Bis jetzt ist es mir relativ leicht gefallen meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle hier in Worte zu fassen – heute wird es schwer und ich weiß auch nicht so recht, ob ich ein paar von meinen Gedanken für den Moment nicht einfach für mich behalten will.
Es war ein harter Tag für mich, 12 Stunden unterwegs, ich kam nach Hause und war einfach fertig. In jedem Sinne.
Aber von vorne, und ich möchte nicht, dass Euch dieser Eintrag beunruhigt, es geht mir gut, aber solche Tage gibt es eben ;)
Ich war heute im penal, es fing an mit der Runde, die montags immer stattfindet und es war ganz gut. Danach habe ich mich eigentlich die ganze Zeit mit Riccardo und noch einem anderen Insassen unterhalten, es war echt gut. Beim Mittag kamen dann noch Mónica und Matthew dazu und es war eine tolle Runde :)
Um halb 3 sind Mónica, David, Christoph und ich dann losgegangen – wir wollten ins Krankenhaus, da Alex heute dorthin geliefert werden sollte. Von Alex hab ich euch kurz erzählt, als ich in der Krankenstation vom Gefängnis war, an meinem ersten Tag, der Mann aus Holland, der so schlimm aussah – das ist Alex!
Ja, also sind wir erst in die Krankenstation gegangen, wo es schon damit anfing, dass ein Insasse mich ständig anstarrte aus 1 Meter Entfernung, nachdem ich ihm eine Falsche Wasser gegeben habe. Das ging ziemlich lange so, aber der war generell etwas daneben.. Auf jeden Fall haben wir (Christoph, David und ich) versucht mit ihm zu reden und zu fragen, was er denn möchte, aber irgendwie hat er nichts gesagt.. David ist dann irgendwann weggegangen, um etwas zu holen und ich war froh, dass Chris da war. Der Wärter meinte schon, Chris solle sich doch bitte direkt neben mich setzen, sonst würde er das tun, damit der Kerl nichts Dummes macht. Nunja, hat er ja auch nicht, eben nur geguckt, aber der hatte auch so einen hypnotisierenden Blick, etwas verstörend, aber nunja ;)
Dann haben Chris und ich uns unterhalten, bis der Kerl irgendwann einfach anfing lauthals zu lachen, woraufhin wir auch irgendwann lachen mussten, aber wir haben es glaube ich ganz gut versteckt.. so gut es ging. Tjah, entweder war der Kerl dann „eifersüchtig“, dass Chris mit mir geredet hat oder er mochte Chris einfach nicht, oder aber er hatte das Gefühl wir lachen über ihn, auf jeden Fall hat er die Wasserflasche genommen und über Chris' Schuhe gekippt. Ja daraufhin sind wir dann rausgegangen, allerdings stand der Kerl dann die ganze Zeit an der Tür und hat weitergestarrt.. Und in der Tür waren Gitter und was passiert? Zack, spuckt er uns eine Wasserfontäne entgegen. Jaaa, wir sind dann zur nächsten Ecke gegangen, wo er uns nicht mehr sehen konnte, aber war schon ein Erlebnis ;)
Dann sind wir auf zum Krankenhaus gefahren und haben auf die Ambulanz gewartet, die Alex bringen sollte.
Als die dann da war, durfte nur einer mit rein, und Mónica brauchte jemanden zum Übersetzen, wobei ich nicht das Gefühl hatte, dass das so der beste Job für mich war.. Egal, die beiden Jungs sind gegangen und ich bin mit rein.
Dort habe ich dann 4 Stunden verbracht. 4 Stunden an der Seite von Alex, der wahnsinnige Schmerzen hatte, der nicht laufen kann und der mir einfach unendlich Leid tat. Ich kann euch nicht beschreiben, wie es war, es geht nicht. Aber hättet ihr diesen Mann gesehen, der 36 Jahre alt ist und wohl nicht mehr lange zu leben habt.. vielleicht wüsstet ihr dann wie es mir ging. Ich kann und will es vielleicht auch gar nicht erklären..
Nun saß ich da, oder stand, und wusste nicht, was ich sagen oder machen sollte. Was tut man in so einem Moment? Meine Sprachkenntnisse haben mich nun auch nicht weitergebracht, denn wenn es um irgendwelche ärztlichen Begriffe geht, hört mein Spanisch definitiv auf, also von wegen übersetzen. Naja, mein Englisch ließ mich Gott sei Dank weniger im Stich, weshalb ich mich ein wenig mit Alex unterhalten konnte. Im Endeffekt lag er nur da, nachdem er endlich ein Bett bekommen hatte, ohne Luft in den Lungen, mit unsäglichen Schmerzen und hat ständig nur gestöhnt, weil ihm alles wehtat..
Ich wusste mir nicht zu helfen, also hab ich einfach seine Hand gehalten. Eigentlich die ganze Zeit, außer den gefühlten 894573 Mal, die ich zu irgendwelchen Apotheken gerannt bin und Medikamente geholt habe. Ich saß eben da und habe sie gehalten und geredet haben wir einfach nicht, es fiel ihm auch schwer. Aber was soll man auch sagen? „Wie geht’s dir?“ - Wohl kaum..
Es dauerte etliche Stunden, bis er dann endlich Medikamente bekam und ich hatte einfach eine Wut in mir über dieses ganze System, in dem man erst tausende von Papieren ausfüllen muss, damit man etwas bekommt, was gegen die Schmerzen hilft, und er litt wirklich. Mónica meinte aber, dass das Gesundheitssystem in Peru generell sehr schlecht ist.
Hm.. nun stand ich da und irgendwann sagte er zu mir „I just wanna go home“ - „Ich will einfach nur nach Hause“, ich fand es so schrecklich.. Ehrlich :(
Es kamen mir so oft die Tränen gegen Ende, denn am Anfang da ist es so, dass man gar nicht realisiert, was man da gerade macht und man will einfach nur helfen oder was sagen.. Aber dann hatte ich eben die Momente, in denen ich dort bei ihm stand und kurz Ruhe hatte und in denen ich anfing nachzudenken, was hier eigentlich vor sich geht und wo auf einmal all die Eindrücke (und es waren viele, das könnt ihr mir glauben) auf einen niederprasseln..
Es war mein härtester Tag bis jetzt, ich hab sowas einfach noch nicht erlebt..
Ich musste mich dann irgendwann von ihm verabschieden, was ich einerseits nicht wollte, denn wie muss es sein, wenn man so alleine ist.. Auf der andere Seite wollte ich einfach nur nach Hause.
Es war 9 Uhr als ich das Krankenhaus verließ, 4 Stunden war ich mindestens dort, wann war ich das letzte Mal so lange in einem Krankenhaus? Spritzen gab es auch zu viele und mein Kreislauf hat kurzzeitig auch etwas schlappgemacht, aber wirklich nur minimal, aber nunja, ich und Krankenhäuser ist eben nicht so die Kombi ;)
Er fragte, ob ich diese Woche wiederkommen würde und ich habe ihm gesagt, dass ich mein Bestes gebe. Und was sagt man dann, wenn man geht? „Ich komme, so schnell ich kann wieder und wenn du irgendwas brauchst, sag es mir und pass auf dich auf“ Und seine Antwort, damit beginnt und endet mein Eintrag heute. „Danke, du hast ein gutes Herz“.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen