Lima

Lima

Samstag, 10. Dezember 2011

Vielleicht das "wahre" Lima..

Hallo ihr Lieben. In den letzten Tage habe ich ein paar Eindrücke gewonnen, die ich zwar vorher auch schon hatte, aber irgendwie sind sie mir in diesen Tagen anders begegnet und ich wollte über all' das sowieso gerne mal einen Blogeintrag verfassen.
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Müllhalden, so kann man sie schon fast nennen, die Stapel von Tüten, alle zerrissen an den Straßenrändern Rímacs, meines Arbeitsplatzes. Eine Frau wühlt dort drin, sucht nach brauchbaren Sachen. Ein anderer Mann schläft in den Müllhalden.
Ich sehe jeden Tag Kinder in Bussen, die versuchen Bonbons zu verkaufen oder am Straßenrand. 5 Jahre, nicht mehr. Alleine, ohne Mama oder Papa, dem Verkehr und all den Leuten ausgesetzt, um ein paar Centimos zu verdienen.
Jeden Tag steigen mindestens 3 Leute auf meinem Arbeitsweg ein, verkaufen Kaugummis, Bonbons, Schlüsselanhänger und erzählen dazu ihre Lebensgeschichte, ob nun ausgedacht oder wahr, tut ja nun eigentlich nichts zur Sache.. Sie tun es aus Not, so oder so.
"Ich bin Halbwaise, meine Mama starb an Krebs als ich 13 war. Manchmal wünsche ich mir, dass die Welt ein Ende nimmt, dann wäre alles einfacher für mich und meinen Papa. Ihm geht es sehr schlecht" (Paola, 16 Jahre)
"Ich bin hier, weil meine Mama mich misshandelt" (Lady, 14 Jahre, sie ist neu bei uns im casa, seit 2 Tagen. Ihre Ankunft war sehr traurig, aber die chicas haben sie Gott sei Dank sehr gut aufgenommen!)
"Meine Mama hat Schlimmes gemacht, aber ich wollte sie trotzdem sehen, ich habe sie doch trotzdem geliebt. " (Joselyn, 18 Jahre, wobei ihr Alter nicht so ganz sicher ist..)
"Hey, Danitza, in Deutschland gibt es Familien die uns aufnehmen würden, geh'n wir?" "Klar, geh'n wir!" (Paola und Danitza)
"Wo ist meine Schwester, ich vermisse meine Schwester so dolle.." (Sara, 13 Jahre)
"Ich bin hier, weil meine Eltern sich nicht um mich gekümmert haben" (Anghie, 14 Jahre, sie liebt es von Callao zu reden, der Stadtteil Limas in dem sie gewohnt hat, gilt als der gefährlichste. Sobald jemand "Callao" sagt, fängt sie an zu lachen und fragt "Kennst du die Straße, kennst du die Straße?" Allen Anderen geht es auf die Nerven, aber es ist doch sehr süß ;))

Ich gehe zum casa, überall stinkt es, unfassbar.. Und an dieser einen Ecke besonders, heute hab ich rausgefunden warum. Dort schlachten sie die Hühner, alle Kadaver liegen auf dem Boden, abgeschnittene Körperteile fliegen herum, es ist wahnsinnig dreckig. Verkaufen die das wirklich auf dem Markt nebenan? Mir wird schlecht..

Wasser, ich habe meins heute vergessen, ok, auf gehts zum Laden um die Ecke !
50 Meter, vom casa aus sehe ich die Menschenmenge vor dem Laden. Auch Kike und Paola (die 2 arbeiten in der Schule in der Nähe, sind auch von CEDRO und fast jeden Tag auch im casa) stehen dort, Kike mit seinem Handy am rumfuchteln. Ich komme näher und erkenne den Grund. Ein Mann liegt auf dem Boden, eine Blutlache um seinen Kopf, Augen geschlossen, er bewegt sich nicht, kein bisschen. Ich bin erstarrt, "Jenny, das kann  nicht sein, dass du hier einen toten Menschen liegen siehst" Ich frage Paola, was passiert ist. "Der Mann ist umgekippt und niemand hat geholfen, ich bin zu der Feuerwehr gegangen, um um Hilfe zu bitten, gleich kommt jemand. Unfassbar, das kann ein Vater von Töchtern sein, jeder könnte es sein und niemand hat geholfen.." So wie das immer ist, nicht wahr? Dieses psychologische Phänomen.. Je mehr Menschen, desto weniger Verantwortung für den Einzelnen. Ich verstehe es trotzdem nicht.
"Aber er atmet" sagt Paola und ich schaue genauer hin und erkenne das leichte Heben und Senken seine Brust - Gott sei Dank. Dann kommt der Feuerwehrmann, leistet Hilfe, ich entferne mich aus dem Blickfeld und gehe mein Wasser kaufen..
Ein paar Minuten später sehe ich einen Krankenwagen, ich hoffe, dass dem Mann nicht mehr passiert ist. Ein Schock war es allemal, er sah einfach nicht mehr lebendig aus, nur diese Blutlache am Kopf, wie ein kleiner Schuss, der alles beendet hat. Ich bin froh, dass es das nicht war!
Am Ende meines Arbeitstages sitze ich im Bus, ich fahre die Tacna entlang, eine ziemlich große Straße, der Bus hält, Leute steigen ein und aus, draußen geht ein Tumult los. "Qué pasó?" - "Was ist passiert?" Diebstahl. Mitten auf der Straße, zwischen so vielen Menschen, ich sehe jemanden rennen.. Man ist eben nirgendwo so "richtig" sicher. Und wieder sehe ich Kinder, zerrissene Jeans und Schuhe, eine Bonbontüte in der Hand, die leichte unsichere Stimme, die darum bittet einige zu kaufen.
Alles zieht an mir vorbei, Rímac, der Müll an jeder Ecke, der Gestank, die Berge mit den Hütten drauf, wo die Ärmsten wohnen, die Kinder, die Mütter, die Obdachlosen, egal ob jung oder alt. Menschen, die in Busse einsteigen, den ganzen Tag, um sich ihr Essen zu verdienen, indem sie etwas verkaufen. Straßenhunde, unzählige. Jugendliche, die nichts zu tun haben, rumlungern und so wohl auf blöde Ideen kommen.
Jeden Tag zieht es aufs Neue an mir vorbei, in diesen Tagen sah ich es irgendwie trotzdem mit anderen Augen, auch wenn es mir immer bewusst ist, ich es mir bewusst mache, weil es wichtig ist! Weil es nicht "normal" ist und auch nicht normal sein darf!
Die Bilder fliegen durch meinen Kopf, treffen sich mit Gedanken, wie in einem Kreuzworträtsel.
Ja ein Rätsel, manchmal ist es das, wie kann es sein, dass es so etwas gibt auf dieser Welt?
Während all diesen Fragen in meinem Kopf, auf die es eigentlich keine Antworten gibt.. denke ich mir "Dazu müsste ich mal einen Blogeintrag schreiben" Hier ist er.
Habt ein schönes Wochenende, genießt es sicher durch die Straßen zu laufen, nehmt euer Leben wahr, nach diesem Post vielleicht wenigstens für ein paar Minuten mit anderen Augen. Vom anderen Ende der Welt :)
Jenny

2 Kommentare:

  1. Einfach nur wunderbar, und toll geschrieben, wie du all das wahrnimmst, was um dich herum passiert! Nichts ist selbstverständlich, das ist das was im Alltag wohl immer und überall untergeht..

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  2. Da kann ich Max nur Recht geben, ein sehr eindrucksvoller Bericht und so 'gut' geschrieben,dass die Realität wieder einmal sehr erdrückend wirkt :/ Didi <3

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