Bitte macht euch nicht so viele Sorgen nach Lesen des Berichts, denn er wirkt unter Umständen sehr negativ. Aber es geht alles bergauf :)
Zweiter Quartalsbericht Jenny Zylla aus Lima, Peru
Die letzten 3 Monate waren in jeder Hinsicht anders als mein erstes Quartal. Sicherlich war das abzusehen und doch hat mich die Fülle an Ereignissen, Erlebnissen, Gefühlen und Erfahrungen teils einfach überrumpelt.
Der Dezembermonat brachte schon viel mehr „Stress“ in der Arbeit mit sich, wie es um Weihnachten immer der Fall ist. Die Mädchen mussten zu vielen Veranstaltungen begleitet werden, es musste viel organisiert werden, meine Wochenenden wurden kürzer und die täglichen Arbeitszeiten verlängerten sich erheblich. Ich genoss es allerdings ein wenig mehr zu tun zu haben, auch wenn es mit Anstrengung verbunden war. Dadurch, dass ich viel Zeit im „casa hogar“ verbrachte, verbesserte sich mein Spanisch jeden Tag und ich lernte all die Mädchen, mit denen ich arbeite viel besser kennen!
Im Dezember stand nun auch Weihnachten an, welches für mich (leider) das traurigste Weihnachtsfest werden sollte, das ich je erlebt habe. Ich habe meine Familie sehr vermisst, da Weihnachten bei uns zu Hause immer ein friedliches und tolles Fest ist, welches ich sehr genieße und es einfach etwas völlig anderes war dieses Fest im Sommer auf einer Dachterasse mit Feuerwerk und Mitfreiwilligen zu feiern. Es passte schlicht und einfach nicht und für mich waren es zwei sehr sehr melancholische Tage.
Allerdings sollte ein paar Tage später unser erster großer Urlaub anstehen, auf den ich mich schon sehr freute. Ein wenig Abstand von der Arbeit, von dem Stress und etwas komplett Neues sehen!
Am Tag der Abreise war ich den Vormittag noch im „casa hogar“, dieses Mal allerdings alleine, das heißt keine „señorita“ (Erzieherin in diesem Sinne) war im Haus. Ich habe mich nach den ersten 2 Stunden schon sehr unwohl gefühlt, da sich viel gestritten wurde und eine Grundstimmung herrschte, die sehr durcheinander war und dieser Tag war einer der Ereignisse, weshalb ich eigentlich bis jetzt, das heißt 2 Monate danach, in einem Tief steckte. Ich habe den ganzen Urlaub lang (der übrigens auch sehr chaotisch und ungeplant, also typisch peruanisch, aber total toll war) sehr viel reflektiert und in vielen Gesprächen gemerkt, dass die Arbeit eine große Rolle für meine Unzufriedenheit darstellt. In der Zeit, in der ich so viel im „casa hogar“ war, habe ich die Mädchen auf eine intensivere Weise kennengelernt, auch ihren Umgang miteinander. Es herrscht sehr wenig Harmonie, es wird sich ständig gestritten, um Kleinigkeiten, die ich sehr schwer verstehen kann. Oft habe ich gemerkt, dass die Werte, die ich von zu Hause vermitteln bekommen habe, nicht mit denen, die die Mädchen haben, übereinstimmen. Ich habe eine sehr freundschaftliche und ruhige Beziehung zu meinem jüngeren Bruder und bin im Allgemeinen ein harmoniebedürftiger Mensch. Es war sehr schwer für mich, all diese Diskrepanzen innerhalb des „casa hogar“ als „Normalzustand“ anzusehen.
Hinzu kam, dass ich mich immer öfter in meiner Arbeit gelangweilt habe. Vor allem in den Ferien saßen die Mädchen oft nur vor dem Fernseher, wenn wir nicht gerade Schwimmunterricht hatten - eine gute Abwechslung! Auch die Workshops, die angeboten werden, wurden eher mit Desinteresse und viel Lärm begrüßt. Auch, dass wir selbst Armbänder gestalteten und unsere eigene Kampagne starteten, steigerte die Motivation nicht. Für mich war das oft unverständlich, da im Laufe des Tages nie viel gemacht wurde und die Abwechslung der Workshops trotzdem nicht auf Zustimmung stoß. Durch diese Attitüde der Mädchen verlor auch ich jeden Tag mehr Motivation, bis ich mich am Ende zwar langweilte, aber auch nicht die Motivation aufbrachte etwas Neues zu beginnen oder vorzubereiten. Ich hatte keine Lust, Zeit in etwas zu investieren, was möglicherweise auf Ablehnung stoßen würde.
Da ich im letzten Quartal auch nur noch alleine im „casa hogar“ arbeitete, ohne Laura, meine Mitfreiwillige oder jemand anderen, fehlte mir ein wenig die Unterstützung einer anderen Person. Mit dem Personal verstehe ich mich zwar gut, aber es ist eine eher distanzierte, rein arbeitstechnische Beziehung, die auch nicht sehr durch Interesse an meiner Arbeit geprägt wird. Ich fühle mich vom Personal nicht sehr in meiner Arbeit oder meinen Ideen unterstützt. Sie stimmen zwar immer zu, aber doch finde ich es etwas schwer Projekte alleine aufzuziehen, weshalb bis jetzt kein „richtiges“ eigenes Projekt zustande kam.
Ich habe mich oft nach dem Sinn meiner Arbeit gefragt. Es gab Tage, an denen ich mich vollkommen nutzlos fühlte und mir dachte, dass ich nicht unbedingt gebraucht werde. Und dieses Gefühl hat mich sehr erschrocken, denn genau das wollte ich durch meinen Freiwilligendienst nicht erreichen. Ich hatte doch vor etwas zu tun, anzupacken, mich auf eine gewisse Art und Weise „gebraucht“ zu fühlen. Ich habe viel mit meinen Mitfreiwilligen gesprochen und mir wurde oft gesagt, dass wir nicht vergessen dürfen, dass wir viel leisten, indem wir da sind. Dadurch, dass ich mit den Mädchen rede, dass sie wissen, dass ich eine Ansprechperson bin, eine Art Freundin. Dass sie mir Sachen erzählen, die durchaus auf Vertrauen aufbauen. Dies muss ich nur für mich selber erkennen und momentan überwiegt leider immer noch die negative Seite.
Diese Zeit brachte viele neue Gedanken mit sich. Ich lernte mich auf eine ganz neue Art kennen, allerdings eine Art, die mir selber nicht besonders gefiel. Wo sind mein Optimismus, meine Lebensfreude und meine Fröhlichkeit geblieben? Sich auf eine ganz andere Art und Weise kennenzulernen kann einen schnell durcheinander bringen und abschrecken.
Ich versuchte jedoch auch, das was ich gelernt habe, als positiv anzusehen. Meine Wurzeln, meine Heimat, da wo meine Familie, meine Freunde sind, das ist das, wo ich hingehöre. Ich habe schon am Anfang meines Dienstes gesagt, dass ich weiß, wohin ich wieder zurückkomme. Aber in dieser schweren Zeit wurde mir umso mehr bewusst, wie sehr mein Zuhause wirklich mein Zuhause, oder mehr als das, Heimat, für mich ist. Das ist wirklich eine positive Erfahrung, allerdings macht es das nicht einfach, wenn man sich sowieso schon einsam fühlt und in vielen Momenten lieber nach Hause will, oder eben zu den Menschen, die das Zuhause verkörpern.
Ende Januar/Anfang Februar verringerten sich die Tage, an denen ich mich nicht so gut fühlte schließlich, auch durch das Ankommen einer Freiwilligen aus den USA, die Motivation mitbrachte und mich ein wenig mitzog. Wir haben einige Projekte in Aussicht und ich hoffe, die lassen sich noch realisieren, denn leider bleibt sie nur bis zum 8. März. Aber sie hat mir zum Beispiel gezeigt, wie wichtig es doch ist, Unterstützung zu haben. Ich weiß nicht, ob ich durch diese Erfahrung trotzdem wieder so viel Motivation gefunden habe, um danach alleine weiterzumachen. Das wird sich die nächsten Wochen herausstellen.
Das Zwischenseminar im Februar hat mir jetzt auch nochmal viele neue Impulse geboten und ich habe sehr viel nachgedacht über all meine Arbeit.
Auch das Gefängnisprojekt, welches ich nur die ersten 3 Monate besuchte, fand noch einmal Platz für Reflexion, denn ein Insasse, um den Laura, meine Mitfreiwillige und ich uns lange Zeit im Krankenhaus gekümmert haben, ist verstorben. Was das genau für mich bedeutet weiß ich immer noch nicht, werde ich vielleicht auch nie wissen, aber es regte zum Nachdenken an. Ich merke, dass ich dieses Projekt und die Abwechslung in meiner Arbeit (das heißt auch in einem anderen Projekt teilzunehmen) sehr vermisse. Für mich sind 5 Tage die Woche, 7-8 Stunden am Tag im „casa hogar“ sehr anstrengend, vor allem da momentan eine große Disharmonie herrscht, der man schlecht entgegenwirken kann und die mich sehr in meiner Stimmungslage beeinflusst.
Natürlich gibt es auch schöne Momente mit den Mädchen, allerdings kann ich diese momentan, so sehr ich es versuche und möchte, nicht so genießen, wie ich es sollte. Das finde ich sehr schade, allerdings ist es auch schwer daran etwas zu ändern. Ich habe mir nach dem Seminar einige Sachen vorgenommen für meine zweite Hälfte, aber ich muss dafür auch an mir selbst arbeiten und andere Leute können mir dabei sehr wenig helfen. Das ist eine Situation, mit der ich selber klarkommen und die ich selber wieder in Ordnung bringen muss oder aus der ich eben das Beste machen muss!
Es wird schwer und eine Herausforderung für mich und momentan fühle ich mich dazu, glaube ich, auch noch nicht so richtig bereit, weil ich viele Gedanken und Impulse erst sortieren und verarbeiten muss, aber ich hoffe sehr, dass ich wieder Spaß an meiner Arbeit finde und sie zu dem wird, was ich mir von meinem Freiwilligendienst erhofft habe.
Abgesehen von all den negativen Aspekten, die nun hier Platz gefunden haben und mein zweites Quartal reflektieren, freue ich mich auch sehr auf meine zweite Halbzeit, da ich Besuch von ganz vielen lieben Menschen bekomme und die Möglichkeit haben werde, mit ihnen dieses wunderschöne Land näher kennenzulernen. Die Zeit wird doch im Endeffekt wieder viel zu schnell vorbeigehen und dann wünscht man sich man hätte noch viel mehr davon, nicht wahr?! Also heißt es: Genießen, erleben und den kleinen schönen Dingen und Momenten wieder mehr Beachtung schenken und zu erfahren, dass es sich lohnt sie über die dunklen Seiten zu stellen, auch wenn diese manchmal zu überwiegen scheinen!
Schöner Post!! Ich mag es sehr, wie du schreibst und deine Gefühle dadruch zum Ausdruck bringst!! Man fühlt richtig mit dir.
AntwortenLöschenDu beschreibst alles sehr detailliert aber nicht im geringsten langweilig.
Ich lese deinen Blog wirklich gerne :)
Hab noch eine schöne Zeit in Peru...auch negative Erfahrungen bringen einen weiter und lassen weinen wissen, wer man wirklihc ist!
liebe Grüße, Carina :**